Circus Halligalli in der Staatsoper Hannover


Die Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber feierte am Wochenende Premiere in der Staatsoper Hannover. Wir waren gestern vor Ort, um uns vom Stück, über das deutschlandweit so viel geschrieben wird, selbst ein Bild zu machen.

Es ist die Urdeutsche Oper schlechthin: Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ von 1821 schaffte den Durchbruch in der Quasi-Monopolstellung der italienischen Opern in der preußischen Hauptstadt. „Der Freischütz“ steht auf dem Lehrplan jeden Schülers der Sekundarstufe I und die Geschichte ist wohl jedermann bekannt. In diesem Jahr inszeniert Kay Voges das Stück auf seine ganz eigene Weise. Wald, Idylle und Romantik wurden nahezu ignoriert. Herausgekommen ist eine Interpretation, die von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf nicht besser hätte in Szene gesetzt werden können.

Die Zuschauer werden über mehrere Stunden mitgenommen in eine Welt von Circus Halligalli, in der das Archiv der Requisite der Staatsoper anscheinend restlos geplündert wurde. Jegliche verrückte, nicht passende Ausstattung hat den Weg auf die zweifelsohne interessante Bühne gefunden. Dabei wurden, ganz im Sinne dieser „deutschen Nationaloper“, jegliche Klischees bedient. Die Geschichte Deutschlands bietet viele Vorlagen, die genutzt und ausgereizt wurden. Inzwischen klassisch und schon lange nichts Neues mehr, muss leider auch in diesem Stück die nackte Haut der Darsteller herhalten, um dem ein oder anderen Zuschauer noch eine Überraschung zu bieten, die schon lange keine Überraschung auf mehr Bühnen ist. So zieht sich der erste Teil der Oper leider etwas in die Länge.

Der zweite Teil hingegen zeigt, wozu dieses fast 200 Jahre alte Stück in der Lage ist. Neuinterpretiert und in die Gegenwart versetzt, gelingt es den Sängern und Schauspielern das Publikum für sich zu gewinnen. Die Oper nimmt vor allem dann Fahrt auf, wenn der böse Geist Samiel, hier eine Kreuzung aus einem Fraggle und Gollum, die Regie zum Finale übernimmt und die siebte und damit letzte Kugel vom Louis de Funes-Double Max in ihre unterschiedlichen Bahnen lenkt. Es ist der Moment, in dem man erkennt, dass eine Oper nicht angestaubt sein muss. Es ist eine moderne Oper mit klassischem Hintergrund, die vielen Medienberichten nach zu urteilen zum Diskurs anregt, in dem sich anscheinend einige Politiker echauffieren, um wenigstens einmal wieder mitreden zu dürfen.

„Der Freischütz“ mag im ersten Teil über das Ziel hinausschießen, doch der zweite Teil könnte eine Blaupause für künftige Operninszenierungen sein, um ein breiteres und sogar neues Publikum anzusprechen. Bis März 2016 wird die Oper noch insgesamt achtmal aufgeführt. Alle Termine findest du hier. „Oki Doki“? Hurz!